Spitz(en)-Geschichten

Gelegentlich schreibe ich meine Erlebnisse mit den Tieren auf. Hier möchte ich einige Anekdoten rund um meine Zwei- und Vierbeiner mit Euch teilen.

April 2019:
Wir kamen vom Einkaufen zurück... spät... War schon dunkel...

Wir räumten, emsig, wie die Ameisen, den Kofferraum leer und trugen alles ins Haus...
Dann ließ ich die Hunde raus..
Sie waren zuhaus geblieben...
Der Kofferraum stand noch offen...
Igor, erbost darüber, nicht mitgenommen worden zu sein, stürzte aus dem Haus, ohne mich eines Blickes zu würdigen, rannte zum Auto und sprang, schneller, als man gucken konnte, in den Kofferraum...
Wir liefen ebenfalls zum Auto und forderten ihn auf, selbiges wieder zu verlassen. Aber Igor sah das nicht ein. Igor wollte Auto fahren...
Er stand da und hielt Ausschau nach Maruschka, welche den Wagen, einem Geier gleich, umkreiste...
Wir machten natürlich keinerlei Anstalten, noch einen weiteren Hund ins Auto zu laden, bemühten uns viel mehr, den bereits darin befindlichen wieder los zu werden...
Dieser reagierte weder auf freundliche Bitten, noch auf motivierende Zurufe, noch auf gestenreiche, nonverbale Signale...
Nachdem Igor begriffen hatte, dass Maruschka nicht mit einsteigen würde, drehte er sich mehrmals im Kreis und machte es sich schließlich gemütlich...
Wir turnten, wie zwei Kasper, vor dem Kofferraum herum, in dem ein hagerer, großer, weißer Hund sich, behaglich grunzend, auf eine längere Spazierfahrt einrichtete...
Wir versuchten, durch plötzliches Davonrennen, ihn dazu zu bewegen, uns zu folgen. Igor räkelte sich...
Ich jonglierte, vor seinen Augen, seinen Lieblingsball und warf ihn dann fort. "Bring!" rief ich...
Igor fand seinen Auto-Kauknochen und begann, ihn zu benagen...
Das Herrchen baute sich vor ihm auf, kerzengerade und imposant, wie ein hochdekorierter Befehlshaber, und befahl im, mit militärischer Strenge, unverzüglich auszusteigen, was Igor, ein überzeugter Pazifist, geflissentlich ignorierte...
Als wir schließlich dazu übergingen, an ihm herum zu zerren, verkeilte er sich, mit seinen langen Tentakeln, so geschickt im Kofferraum, dass er darin feststeckte, wie ein Dübel, in der Wand...
Er löste die Verankerung auch nur zögerlich, als wir von ihm abließen, das Herrchen sich weinend zu Boden warf und ich, als letzten Versuch gelebter Diplomatie, einen Beutel mit Leckerbissen herbei holte...
Einen Hundekuchen wollte er nicht, aber die Pansenstange nahm er gerne. Während er kaute, tat er, durch Blicke, kund, dass ich den Kofferraum nun schließen und losfahren könne. Er sei reisefertig...
Seinen Platz, im Auto, für eine weitere Pansenstange, zu verlassen, sei er nicht bereit, verkündete er...
Wir berieten uns...
Am Ende schritten wir beherzt auf das Auto zu, packten den Flappes, gleichzeitig hinten und vorn, und hoben in aus dem Kofferraum...
Der erforderliche Kraftaufwand war nicht unerheblich, sein Jaulen und Wimmern auch nicht...
Das Bild, das wir abgaben, glich wahrscheinlich dem von zwei Polizisten, die einen renitenten Demonstranten davontragen...
Ich hielt ihn, am Halsband, fest, während das Herrchen die Heckklappe zuschlug...
Igor schluckte, schaute mir tief und vorwurfsvoll in die Augen und ging von dannen.


August 2018:

Der Igor...

Er ist schon sehr speziell, mein Flappes.

Im Moment kommt er wohl ein wenig zu kurz, denn ich hab viel zu tun, und für lange Spaziergänge ist es zu warm. Er begleitet mich draußen, bei meiner alltäglichen Arbeit, auf Schritt und Tritt, und für ein Spielchen ist auch immer Zeit, jedoch gibt es etwas, was ihn unendlich schmerzt:

Er darf, im Moment, nur selten einmal im Auto mitfahren, obwohl er es so sehr liebt. Er würde ja geschmort, da drinne, sobald ich parke und die Klimaanlage ausgeht. Aber erklär das mal einem Hund, der denkt, man will ihn nicht mit dabei haben...

In der Türe ist eine Glasscheibe, und Igor kann mir hinterher gucken, wenn ich ohne ihn weggehe. Und das tut er auch. Er begleitet mich bis zur Türe, unternimmt dort einen letzten Versuch, mich davon zu überzeugen, dass es mit ihm viel schöner ist, als ohne ihn, und schaut schließlich, mit gebrochenem Blick, gesenktem Haupt und rhythmisch die Backen aufpustend, hinter mir her.

Und wenn ich ihn dann, beim Heimkommen, begrüße, dann muss ich genau darauf achten, dass er angemessen begrüßt wird, sonst ist seine Laune ganz hinüber.

Igor steht dann vor mir, mit einem Blick, der eine klare Sprache spricht. "Du liebst mich nicht mehr!" sagt sein Blick.

Nun heißt es: Igoren-Spezial-Begrüßung anwenden!

Normalen Hunden reicht es, wenn man sie, freudig mit dem Hintern wackelnd, anspricht, ihren Kopf kurz mit den Händen durchwuselt oder sie wenigstens kumpelhaft klopft. Kleine Hunde wollen mal kurz auf den Arm... naja... Aber auch da reicht ein Knuddeln, ein wenig Freudengeheul und Getanze, um den Hund in äußerste Ekstase zu versetzen...

 

Bei Igor zieht das nicht. Igor möchte, dass man innehält, alles aus den Händen legt, gestenreich seine Wiedersehensfreude untermalt, ihm beide Arme um den Leib schlingt, um ihn leidenschaftlich zu umarmen, was er selig seufzend und sich gurrend anschmiegend, honoriert, und ihm immer wieder sagt "Igor! Mein Schatz! Mein Flappes! Mein Liebling! Mama seine jute Igor!" Das gefällt ihm. Am Ende, und das ist wichtig, muss man ihm noch einen dicken Kuss mittig auf seinen Kopf platzieren, damit die Botschaft "Mama hat Dich lieb!" auch wirklich bis in die Tiefen seines Gehirnes vordringt...


September 2016:

Das Möppen, dieser kleine, gewitzte, feuerrote Hund, hat einen ganz persönlichen Schatz, etwas was ihr sehr viel bedeutet... etwas, was sie hütet, wie ihren Augapfel…


Unsere Hunde bekommen öfters Knochen, zum knabbern, und da nicht jeder Knochen komplett essbar ist, liegen bei uns im Hof immer irgendwelche nackten Knochen herum. Sobald die letzte Fleischfaser abgenagt ist, die begehrten Knorpel gründlich entfernt und das Mark herausgelutscht, werden die Knochen uninteressant für die Hunde und verschandelieren lediglich unseren, sowieso schon sehr chaotischen, Hof. Wir sammeln sie regelmäßig ein und entsorgen sie in der Mülltonne, aber da sie ja immer wieder neue Knochen bekommen, die sie sorgfältig abnagen, liegen immer wieder welche herum, die jedoch allesamt, früher oder später, im Müll landen. Es soll hier ja nicht aussehen, als sei eine Bombe auf einen Soldatenfriedhof gefallen…


Einen hässlichen, kleinen Knochen haben wir bislang nicht weggeworfen, obwohl er schon etwas älter ist und ziemlich fies aussieht. Es ist nicht irgendein Knochen sondern Möppen´s Knochen. Sie hat ihn zu ihrem Lieblingsknochen auserkoren, und obwohl sie zwischenzeitig etliche andere Knochen benagt hat, zaubert sie diesen einen immer wieder von irgendwoher hervor und knurpselt daran herum. Hat sie genug geknabbert oder wird sie gerufen, dann lässt sie ihren ollen, kleinen Knochen erst einmal verschwinden. Noch nie hat sie ihn einfach so irgendwo liegen gelassen. Wo genau sie das gute Stück aufbewahrt, wissen nur sie und unser Herrgott, der alles sieht und alles weiß…


Nähert sich einer der Pudel dem kleinen, roten Hund, so wird der hässliche, kleine, alte Knochen böse knurrend und zähnefletschend verteidigt. Niemand darf an dem Knochen auch nur riechen. Möppi hat die Exklusivrechte an dem Ding, und da sich das Interesse der Pudel daran doch sehr in Grenzen hält, gehe ich davon aus, dass auch nur sie, das Möppen, um den Wert des Knochens weiß. Für alle anderen ist es nur ein Knochen, ein alter, fieser noch dazu. Nicht ein Fetzen Fleisch hängt noch an ihm, nichts was man abnagen könnte. Aber für den kleinen, roten Hund ist der kleine, hässliche  Knochen anscheinend etwas von großem, ideellen Wert…


Manchmal gelingt es ihr, den Knochen, spät am Abend, wenn es längst dunkel ist und wir sie, durch die Terrassentüre, noch einmal hinaus lassen, um zu pieschern, ins Haus zu schmuggeln. Knochen ins Haus zu tragen, ist hier verboten, und sie macht es auch normalerweise nicht, aber dieser eine, dieser überaus wertvolle Knochen findet dennoch bisweilen den Weg ins Wohnzimmer. Sie stürmt dann, in der Regel, im Tiefflug hinein und verschwindet gleich in ihrer Kiste, wo sie wild in der Decke herumgräbt. Oft bildet die Decke dann einen unförmigen, dicken Knubbel, eine Rolle oder eine Art Turm, der schief, wie jener von Pisa, in einer Ecke steht. Und unter oder in diesem Deckenkonstrukt liegt, irgendwo vor unseren Blicken verborgen, der Knochen. Nachts holt sie ihn dann heimlich hervor, um ein wenig daran zu nagen. Manchmal legt sie sich auch, während wir Fernsehen gucken, mit dem Knochen, auf die Fußmatte vor der Terrassentür und raspelt leise an ihrem Heiligtum herum. Sie weiß, dass wir sie dort nicht sehen können. Natürlich wissen wir genau, was sie da treibt. Wir sind ja auch nicht gänzlich taub, aber wir lassen sie in dem Glauben, unentdeckt zu bleiben…


Am nächsten Tag wandert der Knochen aber wieder, klammheimlich versteht sich, nach draußen, wo er an einem sicheren Ort deponiert wird. Manchmal sehen wir sie draußen, in irgendeiner Ecke, wild im Boden buddeln. Wir reden uns dann ein, dass sie mauselt, was für Spitze nicht unüblich ist und nehmen dies wohlwollend zur Kenntnis. In Wirklichkeit wird sie wohl den Knochen bei Seite schaffen, immer auf Nummer Sicher gehen wollend, dass wir ihn nicht finden und wegwerfen…


Was genau es mit dem Knochen auf sich hat, das wissen wir nicht. Warum dieser großartige Hund, in dem kleinen, roten Körper, gerade dieses eine Fragment, unter vielen, zu seinem persönlichen Besitz auserkoren hat und ihn mit solcher Hingabe hütet und schützt, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben.  Nur eines stand bislang immer fest: Der unscheinbare, kleine Knochen ist Möppis großer Schatz…


Gestern Abend kam ich wieder einmal, müde und ziemlich zermürbt, aus dem Krankenhaus zurück. Ich war öfters für eine Weile fort, in letzter Zeit, und immer, wenn ich zurückkam, war die Freude unter den Tieren groß. Sie leiden stets sehr unter meiner Abwesenheit, was sie auf verschiedenste Art und Weise zum Ausdruck bringen. Und wenn ich dann aus dem Auto aussteige, erfolgt eine Orgie von Begrüßungen unterschiedlichster Art…

Laut meckernde Ziegen kommen wild herbeigaloppiert, Bocksprünge machend, wie übermütige Lämmer…  Am Zaun laufen die Pferde rastlos auf und ab, heiser wiehernd und mit leuchtenden Augen… Wenn ich die Haustüre öffne, stürzen die Hunde hinaus, völlig außer Rand und Band… Möppi springt jauchzend auf und ab, Maruschka drückt leise winselnd ihren Kopf an mich, und Galina umkreist mich, heftig wedelnd, wobei nicht nur die Rute, sondern das gesamte Hinterteil sich rhythmisch hin und her bewegt. Ihr fehlt nur noch das Baströckchen…


Bevor ich mich nach innen begebe und stundenlang die Katzen einzeln begrüße, verbringe ich, für gewöhnlich, erst einmal etwas Zeit bei den Außentieren...
So war es auch gestern wieder. Ich begab ich zu den Ziegen, denen ich, von unterwegs, etwas mitgebracht hatte und verteilte meine kleinen Willkommensgeschenke an die aufgewühlte, und wie immer, sehr hungrige Meute…
Dann begab ich mich auf den Paddock und begrüßte die ungeduldig scharrenden Pferde. Sie bekamen ein paar Äpfel, viele Streicheleinheiten und auch gleich ihr Abendessen...
Dann spielte ich eine ganze Weile mit den Hunden im Hof und ging schließlich auch noch eine kleine Runde mit ihnen spazieren. Es war ein kurzer, aber sehr fröhlicher Ausflug, bei dem mich zwei, regelrecht vor Freunde strahlende, Pudel flankierten und ein kleiner, roter Spitz unaufhörlich hechelnd und kläffend um mich herum sprang…
Zuhause angekommen begrüßte ich die Katzen und schließlich verschwand ich im Bad. Die Pudel lagen derweil, völlig entspannt und mit ihrem Leben zufrieden, auf ihrem Bett und ruhten, während das Möppen voller Ungeduld meine Rückkehr herbeisehnte…


Als ich letztendlich im Wohnzimmer erschien, kam sie mir, freudig  jauchzend, entgegengerast, machte aber plötzlich eine Vollbremsung, die aber misslang, da sie auf dem glatten Laminat rutschte und, mit voller Wucht, gegen meine Schienbeine prallte. Völlig unbeeindruckt davon machte sie blitzartig kehrt, raste zurück und verschwand eilig in ihrer Kiste, wo sie eifrig in der Decke herumwühlte…
Kurz darauf kam sie auch schon zurück, hielt vor mir inne, warf etwas vor mich hin auf den Boden, trat einen Schritt zurück und bellte „Wau!“
Ich schaute auf den Boden und sah, dass es Möppis Knochen war, jener kleine Knochen, an dem ihr Herz so sehr hängt. Sie trat auf mich zu und schob den Knochen, mit der Nase, dicht zu mir hin, trat wieder zurück und schaute ich an, als wolle sie sagen „Nimm schon. Er ist für dich!“
Ihr kleines, rotes Gesicht lachte mich an, und als ich den Knochen aufhob und an mich nahm, da drehte der kleine rote Körper sich, voller Freude, mehrmals um die eigene Achse. Ich nahm das Teil mit zu einem Platz auf der Couch, wo ich es, auf einem Taschentuch, vor mich hinlegte. Der lächelnde, kleine, rote Hund legte sich vor das Sofa hin, das Köpfchen auf die kleinen, roten Pfoten und schloss, müde, aber glücklich, die Augen…

Sie hat bislang keinerlei Anstalten gemacht mir den Knochen wieder wegzunehmen. Nun ist es mein Knochen…

Ich habe bislang davon abgesehen, an dem Knochen herum zu nagen, und ich werde es auch gewiss künftig nicht tun, aber etwas ist mir, durch diese herzliche Geste, bewusst geworden:
Nicht der Knochen ist Möppis allergrößter Schatz, sondern ich bin es!